Humanismus wurde nicht nur von Männern gemacht

Zur Diskussion von Herausforderungen und künftigen Prioritäten hatten sich Humanist/innen 2014 in Berlin versammelt. Drei Stimmen aus Nordrhein-Westfalen geben Auskunft über ihre Sicht auf die Beratungen.

Wie lassen sich eure deutlichsten Eindrücke am Wochenende beschreiben?

Ricarda Hinz: Humanisten sind wahnsinnig liebenswürdige und dazu vernünftige Leute, die sehr gut darin sind, die Verhältnisse zu analysieren, aber leider nicht mit vergleichbarer Lust Entscheidungen treffen und Entschlüsse fassen.

Ralf Osenberg: Der Stand der Entwicklung des HVD in Deutschland ist sehr unterschiedlich. Stark ist er vor allem dort, wo es besondere Angebote gibt, z. B. im Bereich Schule. Verwundert hatte mich der Eindruck, dass es mitunter Vorbehalte gegen einen starken Bundesverband zu geben scheint.

Eva Creutz: Die Versammlung war in meinen Augen eine gute Gruppe aus teilweise sehr engagierten Menschen, mit denen sich gut arbeiten und gestalten lässt. Beobachtet habe ich aber auch eine typische Lagerbildung zu verschiedenen Themen, wie etwa beim Stichwort „Schmusekurs mit Religionen vs. souveräne Ignoranz“ oder der Frage, ob es kompliziert ist oder nicht, eine Kita zu gründen. Es hat mir auf jeden Fall einen spannenden Einblick in die praktische Seite des Humanismus gegeben.

Hat der Humanismus, so wie er sich in den Tätigkeiten und Plänen des Verbandes widerspiegelt, in euren Augen gute Aussichten oder eher nicht?

Eva Creutz: Ja. Mit seinem breiten, weltlich-orientierten Angebot entspricht er einer zeitgemäßen Weltauffassung und dem stärker werdenden Wunsch vieler, religionsfreie Rituale, Feierlichkeiten, Bildung etc. zu kultivieren.

Ralf Osenberg: Ohne Frage, gibt es gute Aussichten. Ich verspüre Rückenwind für unsere Arbeit, für unsere Themen. Ein ebenfalls merkbarer Gegenwind widerspricht dem nicht, sondern zeigt, dass wir ernster genommen werden.

Ricarda Hinz: Ja, hat er. Der organisierte Humanismus ist eine sehr anspruchsvolle Herausforderung, weil er eine Religion ist, die keine Religion sein möchte, sozusagen eine religionsfreie Religion. Er versucht, Menschen zu organisieren, die zu Recht eine grundlegende Skepsis gegenüber Organisationen pflegen. Der praktische Humanismus versucht, Skeptiker zu Verbindlichkeiten zu verpflichten.

Das Ganze ist eine anspruchsvolle Gratwanderung aber das ist auch gerade die Qualität und Attraktivität eines zeitgemäßen Humanismus: eine Interessensvertretung aufzubauen, die sich für die größtmögliche Freiheit der partizipierenden Individuen einsetzt. Aber wir müssen das dringend organisieren, weil wir sonst auf ewig von den besser organisierten, das Individuum entmündigenden Religionen politisch übervorteilt werden. Nach meinem Geschmack könnte es deshalb schon längst viel mehr Tätigkeiten und Pläne geben.

In welchen Diskussionen habt ihr eure eigenen Hoffnungen oder Erwartungen am ehesten wiedergefunden?

Eva Creutz: Zum einen in der Idee, dass der HVD sich auch zu politischen Fragen positioniert, und sich wenn nötig, deutlich von den Kirchen abgrenzt. Zum anderen im Problem der Nicht-Sichtbarkeit und fehlenden Attraktivität bzw. Konturlosigkeit des HVD für Außenstehende – zu mindestens bei uns in NRW.

Ralf Osenberg: Auch wenn neue Mitglieder in der Regel vor Ort gewonnen werden, ist eine starke Öffentlichkeitsarbeit auf Bundesebene sehr wichtig; einen ausgesprochen wichtigen Baustein dafür stellt aus meiner Sicht das Magazin diesseits dar.

Ricarda Hinz: Ich freue mich über die jungen Leute, die sich der schwachen Landesverbände angenommen haben und in diesen die Idee des Humanismus neu und zeitgemäß kommunizieren.

Welche Vorschläge zur Weiterentwicklung der Arbeit sind euch am wichtigsten?

Ralf Osenberg: Dinge, die am sinnvollsten auf Bundesebene angesiedelt sind, sollten nicht – womöglich mehrfach – auf Landesebene vorgehalten werden. Das verschwendet Ressourcen. Dafür, und um in der Bundespolitik eine stärkere Rolle spielen zu können, braucht der Bundesverband m. E. eine entsprechende Ausstattung und Unterstützung.

Ralf Osenberg.

Eva Creutz: Ich finde, der Verband muss den Mehrwert einer Mitgliedschaft noch deutlicher herausstellen und ein noch klareres Profil nach außen erlangen. Wofür steht er? Was leistet er? Was will er? Warum braucht es ihn dringend? Vor allem in Nordrhein-Westfalen muss er bekannter, sichtbarer und konturierter werden.

Ricarda Hinz: Der Austausch von Erfahrungen, die Entwicklung von klaren To-Do-Plänen und Rezepten zum Aufbau von humanistischen Institutionen. Transparenz und Kommunikation sind ganz wichtig.

Am Wochenende wurde auch über die internationale Perspektive gesprochen. Was bedeutet sie euch?

Ralf Osenberg: Für uns hier am Niederrhein bietet sich m. E. erst mal ein Austausch mit niederländischen und belgischen Humanisten an. Mal sehen, was es da für Möglichkeiten gibt.

Eva Creutz: Sie ist wichtig. Denn humanistische Grundwerte sind universell und unteilbar. Unter religiösen Dogmen leiden Menschen weltweit. Es wäre ein wichtiges Zeichen, internationale Allianzen zu stärken und international aufzutreten.

Ricarda Hinz.

Ricarda Hinz: Alles. Für ein säkulares Europa, für eine säkulare Welt! Es ist immer wieder erstaunlich, wie einig sich die Humanisten weltweit sind. Ihre Werte sind sozial und liberal, utilitaristisch und stellen die Menschenrechte über jede Ideologie.

Alleine werden wir solche Ziele sicherlich nicht erreichen. Wo seht ihr die besten Perspektiven für Kooperationen?

Eva Creutz: Ich sehe sie bei allen kulturellen, wissenschaftlichen, säkularen, humanistischen, feministischen, religionsfreien Organisationen, die dem HSV nicht zuwiderlaufen.

Ricarda Hinz: Ich sehe sie natürlich mit der Politik, gegenüber der gezielter Lobbyismus aufgebaut werden muss: für den Abbau von Religionsprivilegien und die Gleichberechtigung der Interessen Konfessionsfreier. Darunter die Kündigung der Konkordate oder die „Kirchensteuer“ neu zu denken: Steuer an eine soziale Organisation nach Wahl.

Ralf Osenberg: Wir sollten mit allen kooperieren, die unserem Anliegen nützen und in den Bereichen, die sich anbieten. Ich habe da überhaupt keine Berührungsängste.

Frauen waren unterrepräsentiert auf der Tagung. Habt ihr zum Schluss einen Vorschlag, wie sich das ändern lässt?

Eva Creutz: Da wo es geht und Sinn macht, sollten wir mit starken Frauen werben und nach außen gehen. Im Magazin diesseits könnten gezielt humanistische Frauen portraitiert werden. Historische Wegbereiterinnen zu benennen erscheint mir auch wichtig, denn der Humanismus wurde nicht nur von Männern gemacht.

Ricarda Hinz: Führt die 50-Prozent-Quote ein!

Ralf Osenberg: Ich denke, dass es an der direkten, motivierenden Ansprache interessierter Frauen liegt. Die tollen Vorbilder, die nicht nur Ricarda Hinz und Eva Creutz darstellen, sind natürlich unbezahlbar.

Herzlichen Dank für eure Antworten und eure Zeit!

Zum Originalartikel: HVD Artikel

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